Geschichte

Als 1992 die ersten Mediatorinnen und Mediatoren durch französische Dörfer gingen, um dort Menschen dafür zu begeistern, Kunstwerke in Auftrag zu geben, schüttelten Vermittlungsfachleute den Kopf. 

Warum sollten Menschen, die weit entfernt von den großen Kunsthauptstädten lebten, mit Künstlerinnen und Künstlern zusammenarbeiten wollen? Interessierten sich die Bürgerinnen und Bürger einer schrumpfenden Kleinstadt nicht für wichtigere Dinge als ausgerechnet zeitgenössische Kunst? Und warum sollten sich Künstlerinnen und Künstler überhaupt mit bürgerschaftlichen Anliegen befassen?

Anfangs waren die Neuen Auftraggeber nicht mehr als eine Idee. Heute, über 30 Jahre später, hat diese Idee zehntausende von Menschen zusammengebracht, inspiriert und vielerorts in Europa und darüber hinaus etwas in Bewegung gesetzt.

ANFÄNGE

Wie kam es dazu? Die Fondation de France, ein einzigartiges philanthropisches Netzwerk, das seit 1969 in Frankreich gemeinnützige Initiativen von gesellschaftlicher Bedeutung fördert, suchte 1990 nach einem innovativen Modell für eine zeitgemäße Form demokratischer und am Gemeinwohl orientierter Kulturförderung. 

Sie beauftragte François Hers, einen belgischen Künstler, der schon zuvor bedeutende Strukturveränderungen im Kulturbetrieb angestoßen und umgesetzt hatte (vergl. DATAR), eine Idee zu entwickeln. Seine Antwort auf diese Herausforderung war das Protokoll der Neuen Auftraggeber (Le Protocol des Nouveaux Commanditaires), das er 1990 verfasste und das ab 1991 von der Fondation de France in einem eigens entwickelten Förderprogramm umgesetzt wurde. 

Hers‘ Ansatz war so einfach wie wegweisend: Eine demokratische Kultur müsste den Bürgerwillen zum Ausgangspunkt haben anstatt staatlicher oder institutioneller Vorgaben. Die ganze Logik von Kulturproduktion und -förderung müsste erweitert und vom institutionellen Kopf auf bürgerschaftliche Füße gestellt werden. 

Dieser demokratisch-zivilgesellschaftliche Ansatz würde es den Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, wesentliche Impulse zu setzen und es wäre die Gesellschaft selbst, in ihrer ganzen Breite und Vielfalt, die sich der Verantwortung zu stellen hätte, jeweils vor Ort zu entscheiden, welche kulturellen Güter und künstlerischen Experimente sie braucht, welchem Ausdruck ihrer selbst sie Gestalt geben will. Aufgabe von Politik und Institutionen wäre es, dafür die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Hers‘ kulturpolitischer Coup: 

  1. Sein Protokoll von 1990 lieferte auf einer einzigen DIN-A4-Seite ein einfaches Handlungsmodell, mit dem sich dieser Paradigmenwechsel in der Produktion und Förderung von Kunst und Kultur umsetzen lassen würde. Und dies auf eine Weise, die jeder verstehen kann.  
  2. Indem er Bürgerinnen und Bürgern die Rolle als Auftraggeber künstlerischer Vorhaben vorschlug, räumte er ihnen eine machtvolle Position ein, die nicht darin bestand, selber künstlerisch aktiv zu werden (er vermied so das wiederkehrende Missverständnis, dass eine Kunst der Demokratie maßgeblich darin bestünde, die Zivilgesellschaft direkt am kreativen Schaffen zu beteiligen), sondern die Rolle der alten Auftraggeber einzunehmen, die bislang darüber bestimmten, welche (öffentliche) Kunst entsteht: Kulturausschüsse, Expertenkommissionen, Museumskuratoren, wohlhabende Einzelpersonen oder Unternehmen. Als Neue Auftraggeber würden gemäß Hers‘ Vorschlag Bürgerinnen und Bürger diese Aufgabe künftig selbst übernehmen und damit auch Verantwortung, die mit dieser Aufgabe einhergeht. 
  3. François Hers unterstrich in seinem Protokoll die gestalterische Unabhängigkeit der Künstlerinnen und Künstler und stellte damit klar, dass ihre historisch errungene Autonomie nicht infrage gestellt sei. Sie hätten sich dem Bürgerwillen und Teilhabeerwartungen nicht etwa zu beugen, sondern seien im Gegenteil eingeladen, Bürgeraufträge mit ihren je eigenen freien Mitteln kompetent zu beantworten und mit ihren Auftraggebern entsprechend zu kooperieren – ein Dialog auf Augenhöhe also.

MEDIATION

Eine weitere Innovation von Hers‘ Protokoll lag in der Erfindung eines neuen Rollenmodells, das bislang in dieser Konsequenz noch nicht formal verfasst und benannt wurde: die Rolle der Mediatorin, des Mediators. Im Französischen bedeutet Médiation so viel wie Vermittlung. Ein Begriff, der für Politikerinnen ebenso verwendet wird wie für Kunstvermittler oder für Schlichter von Konflikten – eine Instanz, die Brücken baut, Vertrauen und Verständnis herstellt, Wissen teilt und Lösungswege aufzeigt. 

In Hers‘ Protokoll bekommen dieser Begriff und diese Praxis einen speziellen Sinn: Mediation meint hier die Moderation der Zusammenarbeit zwischen Bürgergruppen und Künstlerinnen und Künstlern, aber auch Förderern und öffentlichen Verwaltungen, und darüber hinaus das Einbringen der eigenen (kuratorischen) Expertise in Sachen zeitgenössischer Kunst. 

Im Handlungsmodell der Neuen Auftraggeber spielen die Mediatorinnen und Mediatoren neben den Bürgergruppen – den Neuen Auftraggebern – die Schlüsselrolle. Ohne sie kommen die Projekte nicht auf die Beine und nicht in die Welt, ohne sie entstehen nicht die Verbindungslinien zwischen den Akteuren und Ressourcen, die es braucht, um die bürgerschaftlichen Aufträge umzusetzen. 

Damit ist auch beschrieben, warum die Mediatorinnen und Mediatoren im Modell Neue Auftraggeber nicht zu verwechseln sind mit gleichnamigen Berufsgruppen, die auf Konfliktarbeit, Friedensarbeit in Kriegsgebieten oder Schlichtung in außergerichtlichen Verfahren spezialisiert sind und dies oftmals auch studiert haben. Der Begriff Mediation bedeutet für die Kunst im Bürgerauftrag kompetente Prozessgestaltung im Sinne der bürgerschaftlichen und der künstlerischen Interessen – was Konfliktmanagement jedoch regelmäßig einschließt, denn demokratische Aushandlungsprozesse werden in der Bearbeitung von Konflikten produktiv.

Was François Hers‘ Protokoll als Mediation beschrieb, ist mittlerweile zu einem eigenen Berufsbild geworden. Erste Universitäten bieten eine spezielle Ausbildung an, in Deutschland wurde ein Curriculum zu einer entsprechenden Fortbildung entwickelt. Derzeit sind international rund hundert Mediatorinnen und Mediatoren aktiv, in Deutschland sind rund 20. 

ENTWICKLUNG UND AUSWEITUNG

Zurück ins Jahr 1991. Xavier Duroux, Leiter des Kunstzentrums Consortium in Dijon, war der erste professionelle Kurator und Kunstvermittler, der als Mediator im Modell Neue Auftraggeber aktiv wurde und bis zu seinem Tod 2017 rund 80 Projekte begleitete und ermöglichte. Er galt vielen als Beispiel. 

Basierend auf dem Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger und der kontinuierlichen Unterstützung der Fondation de France sowie einer wachsenden Zahl von Kommunen und Landkreisen (Departements), verbreitete sich das Modell der Kunst im Bürgerauftrag über die Jahre quer durch Frankreich, wo bis heute über 350 Projekte entstanden.

In manchen Regionen wurden die Nouveaux Commanditaires zum festen Bestandteil der Kulturproduktion, des demokratischen Selbstverständnisses, ja des gesellschaftlichen Lebens.     

Von Frankreich aus verbreitete sich die Idee des Protokolls der Neuen Auftraggeber. 2000 starteten die Nieuwe Opdrachtgevers in Belgien, 2002 die Nuovo Commitentes in Italien, in Spanien und der Schweiz begannen 2012 und 2014 erste Projekte. So entstanden seither europaweit rund 500 Projekte im Bürgerauftrag. Einzelne Initiativen gab es auch in Skandinavien, in Polen, in den USA und in Südamerika. In Kamerun begann 2014 ein erstes Pilotprojekt, weitere folgten. Andere Länder und Regionen sind augenblicklich dabei, Strukturen aufzubauen und Pilotprojekte zu starten.  

Auch methodisch hat sich das Modell der Neuen Auftraggeber weiterentwickelt. Fragen der Stadtplanung oder der Transformation in ländlichen Räumen wurden systematisch in den Blick genommen, ebenso wie Themen, die wiederholt von Bürgergruppen aufgebracht werden und die besonderer Beachtung bedürfen, wie etwa die Beschäftigung mit dem Tod in Gemeinschaft (Vergl. Les morts à l’oeuvre). 

Seit 2013 entstehen zudem wissenschaftliche Forschungsprojekte im Bürgerauftrag, die bemerkenswerte Ergebnisse hervorbringen und das Protokoll um eine neue Dimension bereichern. Spezialisierte Mediatorinnen und Mediatoren sowie Programme bieten die Möglichkeit für Bürgeraufträge in einzelnen Sparten wie etwa Theater, Tanz und Performance, Architektur oder Musik. 

DIE NEUEN AUFTRAGGEBER IN DEUTSCHLAND

In Berlin gründete sich 2007 der Neue Auftraggeber e. V., der dem französischen Beispiel folgte. Erste Pionieraufträge zeigten, dass – und wie – auch in Deutschland eine Kunst im Bürgerauftrag Form annehmen kann. Die Bundeszentrale für politische Bildung und die Körber Stiftung waren die ersten, die diesen Vorstoß unterstützen. 

Ein Dutzend erster und beispielgebender Aufträge entstand, allen voran die Neuen Auftraggeber von Pritzwalk mit dem Künstlerduo Clegg & Guttmann, dessen nachhaltige Wirkung bis heute anhält. Ein anderer Auftrag, Temple of Refuge, gefördert durch das Auswärtige Amt, zeigte auf, wie auch geflüchtete Menschen (die formal keine Staatsbürger sind) als Auftraggeber Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen, in dem sie leben wollen.    

Von 2017 bis 2022 förderte die Kulturstiftung des Bundes eine Pilotphase, die es in Deutschland erstmals ermöglichte, der Kunst im Bürgerauftrag nach dem Protokoll der Neuen Auftraggeber ein angemessenes Format zu geben und zu zeigen, was geschieht, wenn Bürgergruppen sowie Künstlerinnen und Künstlern das Vertrauen gegeben wird, ihre Vorhaben, begleitet durch Mediation, umzusetzen. In diesem Zusammenhang wurde 2017 die Gesellschaft der Neuen Auftraggeber als gemeinnützige gGmbH gegründet. 

2022 rekapitulierte die Publikation Neue Auftraggeber – Kunst im Bürgerauftrag die Ereignisse und Ergebnisse während dieser Pilotphase, in der 17 Projekte entwickelt wurden. Die meisten dieser Projekte dauern bis heute fort. Sie sind auf dieser Website ausführlich beschrieben

Seit 2022 hat sich das Netzwerk der Neuen Auftraggeber in Deutschland dank der Förderung durch die Bundeszentrale für politische Bildung erweitert. Deutschlandweit werden neue Mediatorinnen und Mediatoren ausgebildet und unterstützt, um regional aktiv zu werden. Neue Projekte im Bürgerauftrag entstehen. Erste Kommunen haben damit begonnen, das Protokoll der Neuen Auftraggeber in Eigenregie umzusetzen oder lokale Initiativen zu fördern. 

2022 gründete sich die Gesellschaft für Kunst und Mediation im Bürgerauftrag e. V., die der wachsenden Zahl von Mediatorinnen und Mediatoren ein Dach gibt und ihre Interessen vertritt. 

Die gemeinnützige Organisation zertifiziert die Mediation nach dem Protokoll der Neuen Auftraggeber und bietet interne Austauschformate sowie Ausbildungen an. Sie ist Gründungsmitglied des 2023 gegründeten internationalen Dachverbandes der Neuen Auftraggeber, der Socité Internationale des Nouveaux Commanditaires mit Sitz in Brüssel, der Alexander Koch als Gründungsvorsitzender vorsteht. 

Seit Herbst 2023 fördert die Kulturstiftung des Bundes ein neues Programm der Neuen Auftraggeber, das es Bürgerinitiativen ermöglich, ihre Interessen mit Aufträgen an Akteure aus den Bereichen Tanz und Performance zum Ausdruck zu bringen.   

WISSENSCHAFTLICHE PERSPEKTIVEN

Von Beginn an, und auch dies formuliert bereits das Protokoll von François Hers, war die wissenschaftliche Reflexion und Einbettung der Kunst im Bürgerauftrag elementarer Bestandteil des Modells Neue Auftraggeber. So war etwa der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour lange Jahre eng mit den französischen Nouveaux Commanditaires verbunden und leitete von 2007 bis 2013 die entsprechende Kommission bei der Fondation de France. Auch andere Forschende stehen dem Modell nahe, so etwa die belgische Philosophin Vincianne Despret oder die Wissenschaftshistorikerin Isabelle Stengers.  

Als Beiträge zum internationalen wissenschaftlichen Diskurs entstanden neben Einzelpublikationen (z.B. Art Without Capitalism, 2013) umfangreiche Anthologien mit wissenschaftlichen Studien und Essays (Faire art comme on fait société, 2013, und Reclaiming Art / Reshaping Democracy  The New Patrons & Participatory Art, 2017). 

In den letzten Jahren entstehen in Deutschland und Europa zahlreiche Doktorarbeiten zu Aspekten der Neuen Auftraggeber, die das europäische Netzwerk aktiv unterstützt. Tagungen, Wissenstransfers und Lehrangebote finden vielerorts statt. 

Die Reihe Im Auftrag – Kunst in Beziehung beleuchtete 2021 die Besonderheiten einer Kunst im Bürgerauftrag mit monatlichen Beiträgen von u.a. Karin Harrasser, Silke Helfrich/Commons Institut, Shannon Jackson, Judith Laister, Bruno Latour und Joseph Leo Koerner, Jane Rendell für ARCH+, Isabelle Stengers und Nora Sternfeld. Die Perspektiven aus Kunstwissenschaft und -vermittlung, Soziologie, Anthropologie, Architektur und Stadtentwicklung, Ökonomie und Mediation sind als Archiv einer diskursiven und praktischen Auseinandersetzung mit dem Modell Neue Auftraggeber online verfügbar.