Marl

Auftraggeber*innen: Hannelore Apitzsch, Werner Eisbrenner, Monika Kaczerowski, Kurt Langer, Heidi Pfeifer, Irene Rasch-Erb, Rolf Schumann, Brigitte Schumann-Knauff, Dr. Ulrich Spies, Karin Wagner, Paul Wagner


Mediatorin: Lea Schleiffenbaum


Künstlerin: Sasha Waltz


Zeitraum: 2019 — 2022 — inaugurated


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Wir wollen das kulturelle Erbe der Stadt, Marls einzigartige Bauwerke der 1960er und 1970er Jahre, miteinander verbinden und für eine neue Generation erschließen.

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Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Marl besitzen einen Schatz, der seinesgleichen sucht: In einem anspruchsvollen Bauprogramm wurde im Laufe der 1950er und 1960er Jahre die Errichtung von Schulbauten, eines völlig neuartigen Rathaustypus und anderer Gemeinschaftsgebäude beschlossen. So wollte man nach dem Krieg ein neues demokratisches Miteinander entwickeln.

Bis heute machen Einrichtungen wie das Einkaufszentrum mit integrierter Bildungseinrichtung oder die Durchdringung des Stadtbildes mit herausragenden Skulpturen aus Marl ein allen seinen Bürgern zugängliches Modell kultureller Teilhabe. Wo anderswo Biennalen punktuell Glanz verbreiten, haben in Marl Kunst und Kultur eine dauerhafte Präsenz im Stadtbild.

Die Neuen Auftraggeber von Marl möchten dieses innovative Stadtverständnis wieder ins Bewusstsein der Stadtgemeinschaft rücken und für neue Generationen öffnen. Für diese Aufgabe konnten die Neuen Auftraggeber von Marl die international renommierte Choreographin Sasha Waltz gewinnen. Ihr Projekt In C – Marler Partitur erweckt das kulturelle Erbe der Stadt Marl mit tänzerischen Mitteln zum Leben.

Eine intuitive Gemeinschaftserfahrung für eine ganze Stadt

Sasha Waltz‘ In C – Marler Partitur greift auf Terry Rileys Komposition In C (1964) zurück, mit der die Kompagnie schon in anderen Projekten Erfahrungen sammelte. Sie ist aus 53 musikalischen Phrasen zusammengefügt ist, welche nach eigenem Ermessen der Musiker*innen wiederholt werden können. Die Choreografie folgt diesem Prinzip und sieht 53 Bewegungsfiguren vor, die sich in einer klaren Regeln folgenden „strukturierten Improvisation“ überlagern und verschieben können. In einem mehrmonatigen Prozess organisierten sich Gruppen von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt, um diese Figuren ganz oder in vereinfachter Form einzuüben.

An einem Präsentationswochenende im September 2022 wurde In C – Marler Partitur von diesen Bürgergruppen an unterschiedlichen Orten in der Stadt aufgeführt. Am Aufführungswochenende bewegten sich die Akteure spiralförmig zum Stadtzentrum, wo am Ende des zweiten Tages die Großaufführung mit allen Teilnehmenden und Tänzer:innen der Kompanie Sasha Waltz & Guests stattfand.

Es ist wichtig zu betonen, dass diese Großaufführung nicht als Finale, sondern als Auftakt zu verstehen ist. So wird Marl zu einem Bewegungsbild, dessen Mitwirkende sich ständig zu allen anderen in Beziehung setzen, die Figuren der Partitur praktizieren. Dabei tritt eine intuitive Gemeinschaftserfahrung an die Stelle sprachlicher Diskursformen. In C — Marler Partitur kennt keine Hierarchie und schließt niemanden aus. Es ist ein Aufruf an alle Marler Bürgerinnen und Bürger, mitzutanzen und das Marl der Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Wietstock

Auftraggeber*innen: Nana Abel, Jürgen Bigalke, Rosemarie Bigalke, Petra Bunke, Sascha Dorp, Ursula Dorp, Stefanie Kaul, Martin Müller-Butz, Tina Netzband, Gudrun Peschel, Bernd Rohleder, Heinz Schünemann


Mediatorin: Susanne Burmester


Künstlerin: Antje Majewski


Zeitraum: 2019 — in_progress


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Wir wollen ein Kunstprojekt in Auftrag geben, welches in unserem Dorf einen zentralen Ort errichtet, der dauerhaft und beständig Möglichkeiten der Begegnung und des Austauschs zwischen Menschen verschiedenster Generationen und Herkünfte aus Wietstock selbst sowie außerhalb von Wietstock schaffen soll. Wir wollen mit dem Kunstprojekt die Modellhaftigkeit und die Strahlkraft des Dorfes in die Region hinein und über die Region hinaus stärken. Das Kunstprojekt soll dabei die hier lebenden Menschen am Entstehungsprozess teilhaben und auch nach der Realisierung Möglichkeiten zur aktiven Mitgestaltung des Dorflebens bieten.

context

Wietstock ist ein typisches Dorf im Mecklenburg-Vorpommern des frühen 21. Jahrhunderts. Gut hundert unterschiedliche Menschen finden am Ort zusammen, ehemalige LPG-Angestellte, Berliner Wochenend-Anwohner*innen, Aussteiger*innen, junge Familien, die die Natur lieben. Eine heterogene Mischung verschiedener Lebensentwürfe, Herkünfte, Generationen und Interessen.

Einige Aktive haben das Dorfhaus saniert, als Verein. Sie haben ein Kulturangebot entwickelt, das gut ankommt, auch in den Nachbardörfern. Man begreift sich als offen und tolerant. Dennoch gelingt es nicht, die Dorfgemeinschaft so zusammenzubringen, wie man es sich erhofft. Und so entsteht die Idee, als Neue Auftraggeber ein Projekt zu starten, das nach der eigenen Gemeinschaft fragt – und nach ihrer Zukunft.

Mit der Mediatorin Susanne Burmester beginnt eine Gruppe von 12 Personen einen Prozess der Selbstvergewisserung: Wer sind wir, wer die anderen? Was läuft gut im Dorf, was nicht. Wofür sollen wir das Dorfhaus nutzen? Konflikte werden sichtbar. Viele Stimmen werden gehört, einige sind lauter als andere, nicht in allem ist man einer Meinung. Natürlich nicht. Doch es gibt einen wiederkehrenden gemeinsamen Nenner – die Natur. Ob wegen landwirtschaftlicher Arbeit, ökologischem Bewusstsein, oder aus reiner Liebe zum Grünen oder zum eigenen Garten, in ihrer Beziehung zur Natur finden sich alle wieder.

So entsteht der Wunsch nach einem zentralen Ort, an dem man im Grünen zusammenfinden kann und den man jetzt und künftig gemeinsam gestaltet. Ein künstlerisches Projekt soll in Auftrag gegeben werden, dass die Grundlage dafür schafft. Die Auftraggeber*innen wünschen sich nichts Fertiges, keine Lösung eines Problems, sondern etwas Offenes und Unabgeschlossenes, einen Rahmen, der sich mit künftigem Tun füllen lässt.

Man entscheidet sich, den Auftrag an die Berliner Künstlerin Antje Majewski zu vergeben. Sie kommt aus der Malerei, denkt in Bildern, hat aber in ihrer Arbeit vielfach auch Gemeinschaftsprozesse gestaltet und die Natur in diese integriert. Das klingt vielversprechend. Aber ihr erster Entwurf überzeugt nicht. Die Auftraggeber*innen lehnen ihn ab. Man setzt sich zusammen, ist nicht glücklich. Antje Majewski geht mit Empathie auf die Situation zu und entwickelt einen zweiten Entwurf, der offener ist, der die Ideen der Auftraggeber*innen stärker bedenkt, ihnen auch mehr Eigenverantwortung für das Projekt in die Hände gibt, doch zugleich künstlerische Unabhängigkeit einfordert. Und diesmal kommt man zusammen.

Majewskis Planung schlägt eine Gestaltung des Areals rings um das Dorfhaus in drei Teilprojekten vor.

1. Ein Gemeinschaftsgarten für die ganze Dorfgemeinschaft soll entstehen, der mit Streuobstwiesen, Kräuter- und Staudenbeeten, aber auch mit Pflanzen aus den Gärten der Dorfbewohner*innen bestellt sein soll, von denen diese wissen, dass sie vor Ort gut gedeihen und auch unter den Vorzeichen künftiger Dürren versprechen, nachhaltig resistent zu sein. So sollen nebenbei die Kompetenzen – das lokale Wissen – der Einwohner*innen aktiviert und verbreitet werden.

2. Ein Arkadengang aus Stahl, mit Photovoltaikpaneelen bedacht, soll ein gleichermaßen urbanes und technisches wie auch romantisches Element hinzufügen. Einerseits Wandelgang für Mußemomente und multifunktionaler Veranstaltungsort, führt die Konstruktion zugleich auch die technischen Transformationen vor Augen, ohne die keine Klimawende zu haben sein wird.

3. Ein Wandelement dieser Arkade wird ein von Antje Majewski entworfenes Mosaik tragen. Ihm liegt ein Gemälde zugrunde, in dem die Künstlerin Wünsche und Wunschbilder der Auftraggeber*innen integriert hat, Tiere und Pflanzen von individueller Bedeutung für Einzelne, zusammengeführt in einem tagtraumhaften Landschaftsbild. In Stein übertragen wird dieses Bild als prächtiges Mosaik nicht nur im Dorf von dauerhafter Präsenz sein, sondern auch eine Verbindung zur jahrhundertealten Tradition der Mosaikkunst herstellen, die viele Teile Europas und der Welt geprägt hat. Eine Kunstform, die auch in der DDR populär war, das Dorf aber darüber hinaus symbolisch ebenso mit Ravenna und Athen, Konstantinopel und Kairo verbindet.

Ende Oktober 2022 konnte in Wietstock ein erster wichtiger Schritt gegangen werden: im Garten des Dorfhauses wurde das Mosaik nach dem Entwurf „Tiere und Pflanzen in Wietstock" der Künstlerin Antje Majewski eingeweiht. Dem vorausgegangen waren viele Stunden in der Mosaikwerkstatt Cosmomusivo Mosaik wo auf 5,6 Quadratmetern unzählige, etwa 1 mal 1,6 Zentimeter große Mosaiksteinchen verarbeitet wurden.

Die Auftraggeber*innen und die Künstlerin begreifen dieses Ensemble von Form- und Gestaltungsideen als ein modellhaftes Experiment zur Nachhaltigkeit des eigenen Engagements in Gemeinschaft. Der Garten lädt zum Ernten ein und zum Feiern. Aber er braucht auch Pflege. Die Solarpaneele liefern dem Dorfhaus Strom, doch sie bedürfen auch der Wartung und Reparatur. Und so wird Majewskis Projekt zu einem langfristigen Portrait von Wietstock und seinen Bürger*innen, ein Portrait, dass diese Bürger*innen selbst beauftragt haben und selbst weitergestalten werden, das sich mit dem Engagement der Anwohner*innen wandeln wird und dabei vielleicht, wenn alles gut geht, immer schöner werden wird.