Die Neuen Auftraggeber von Pinneberg

Auftraggeber*innen: Saim Kadir (Kasi) Cetinkaya, Heja Ibrahim, Anke Marckmann, Julia Miahipour, Deniz (Bosslo) Salakoslu, Gina Lea Schwan, Cosmo Stadie


Auftrag: Die Innenstadt von Pinneberg ist wie in vielen Städten im Wandel. Wir wünschen uns eine künstlerische Arbeit, die diesen Wandel unterstützt. Wir wollen ein Werk beauftragen, das zu einem neuen Pinneberg-Gefühl beiträgt. Dafür sollen öffentlicher Raum und (leerstehende) Gebäude als Inspiration dienen.


Mediator: Michael Annoff


Künstler*innen: Nuray Demir & Minh Duc Pham


Zeitraum: 2025 fortlaufend


Partner: Kulturstiftung des Bundes


Programm: Tanz und Performance im Bürgerauftrag


Aktuell

Performing the Unfinished
Performance, Publikumsaktion, Gespräche und Installation von Nuray Demir & Minh Duc Pham für die Neuen Auftraggeber von Pinneberg

Samstag, 12.9.2026
15–17 Uhr: Dreams Convention, Einweihung Platz der Kinderrechte, Pinneberg.
Mit Beiträgen von Kien Nghi Ha, Nahed Samour, Meryam Schouler-Ocak und Derya Yıldırım.
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Sonntag, 13.9.2026
15–16 Uhr: Bread & Roses, Performativer Rosen-Umzug vom Bahnhofsvorplatz zum Drosteiplatz 
16–18 Uhr: Tea and Tears, interaktiver Teesalon, Drosteiplatz, Pinneberg.
Mit Beiträgen von douniah, much cooler than yours x My Migrant Mama, Tanasgol Sabbagh 
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Der Auftrag

Einerseits Schleswig-Holstein, andererseits fast noch Hamburg: Pinneberg liegt im Speckgürtel der hanseatischen Metropole und steht mit dieser Lage vor Herausforderungen. Wie an vielen Orten hat sich auch hier die Innenstadt verändert. Alte Geschäfte sind verschwunden, Treff- und Freizeitangebote werden weniger, der Raum für Begegnung ebenso. Die Nähe zum pulsierenden Hamburg macht es Pinneberg zusätzlich schwer, eine eigenständige urbane Anziehungskraft zu behaupten und weiterzuentwickeln. 

Das früher selbstverständliche "Pinneberg-Gefühl" der Innenstadt ist in den Augen vieler Ortsansässiger verblasst. Dabei wird oft übersehen, dass es auch eine andere Entwicklung gibt: Immer wieder eröffnen Unternehmer*innen, viele von ihnen mit Migrationsgeschichte, neue Geschäfte und bringen mit ihren Ideen frischen Schwung in die Stadt. Ohne ihre Restaurants, ihre Lebensmittel- und Kosmetikgeschäfte und ihre Dienstleistungen wäre die Belebung der Innenstadt kaum denkbar. Unternehmertum in Pinneberg ist vielfältig und zeigt, dass die Stadt nach wie vor ein Ort ist, an dem auch Neues entstehen kann.

„Pinneberg ist weder Fisch noch Fleisch. Kann das Zentrum ein Ort sein, an dem wir das Zusammenleben wieder neu erfinden – trotz aller Unterschiede?“

Darauf möchten die Neuen Auftraggeber von Pinneberg – Gewerbetreibende, Anwohner*innen und Sozialarbeiter der Innenstadt – mit einer künstlerischen Arbeit aufmerksam machen. 2025 feierte Pinneberg 150 Jahre Stadtrechte. Für die Auftraggeber*innen Anlass, um nicht nur zurückzublicken, sondern gemeinsam nach vorne zu denken: Wie kann Pinnebergs Zentrum wieder ein Ort werden, der Menschen zusammenbringt? Wie kann der öffentliche Raum neue Begegnungen ermöglichen? Wie kann ein neues Pinneberg-Gefühl entstehen?

Beraten von Mediator Michael Annoff beauftragt die Gruppe eine Arbeit , die die Veränderungen der Stadt sichtbar macht. Ziel ist es, den Stadtraum neu zu entdecken und über das Miteinander nachzudenken. Dafür sollen öffentlicher Raum und (leerstehende) Gebäude als Inspiration dienen. Ein Augenmerk soll auf den Perspektiven junger Menschen liegen. Die performative oder choreographische Arbeit soll langfristig erlebbar bleiben und für die Stadtbewohner*innen zugänglich sein.

Eine Gruppe von Personen steht und sitzt um einen Arbeitstisch herum und diskutiert

Die Neuen Auftraggeber von Pinneberg

Auftragsunterzeichnung 12.3.2025, Pinneberg Foto: Henning von Holdt
Eine Person sitzt an einem gedeckten Tisch mit Blumen und unterzeichnet den Aufrtrag.

Die Neuen Auftraggeber von Pinneberg

Auftragsunterzeichnung 12.3.2025, Pinneberg Foto: Henning von Holdt
Eine Person sitzt an einem gedeckten Tisch mit Blumenstrauß und unterzeichnet den Vertrag.

Die Neuen Auftraggeber von Pinneberg

Auftragsunterzeichnung 12.3.2025, Pinneberg Foto: Henning von Holdt

Die Künstler*innen: Nuray Demir & Minh Duc Pham

Auf Empfehlung des Mediators hat die Gruppe sich entschieden, nicht eine*n, sondern gleich zwei Künstler*innen zu beauftragen: Nuray Demir und Minh Duc Pham arbeiten für Pinneberg zusammen. 

Demir und Pham verbindet eine künstlerische Herangehensweise, die auf intensiven Recherchen basiert. Beide überschreiten in ihrer Arbeit die Grenzen von darstellenden und bildenden Künsten und Kuration. Ausgehend von einem geteilten Interesse daran, was Materialien und Räume besonders macht, stören sie deren gewohnte Wahrnehmung und regen dazu an, sie zu überdenken. Dabei eröffnen sie Möglichkeiten für neue Perspektiven und Begegnungen in künstlerischen und öffentlichen Räumen. Ihre Arbeitsprozesse gehen häufig von der Geschichte und dem lokalen Kontext der Ausstellungs- und Aufführungsorte aus.

Beide beschäftigen sich in ihren Arbeiten oft mit transnationalen Arbeitswelten und Lebensgeschichten und verbinden so Menschen, Gemeinschaften und Gesellschaften. 

Nuray Demir zeigte ihre Arbeiten in der Vergangenheit unter anderem am HAU – Hebbel am Ufer, Berlin, Künstler*innenhaus Mousonturm, Frankfurt, den Wiener Festwochen, dem Haus der Kulturen der Welt, Berlin, der in der Schirn Kunsthalle Frankfurt und in der Bundeskunsthalle, Bonn. Darüber hinaus war sie Teil des Leitungsteams von District*Schule ohne Zentrum.

Minh Duc Phams Arbeiten waren unter anderem am Haus der Kulturen der Welt, Berlin, dem Humboldt Forum, Berlin, im Radialsystem, Berlin, im Museum der Bildenden Künste Leipzig, an der Burg Hülshoff - Centre for Literature und im VCCA Vincom Center for Contemporary Art, Hội An in Vietnam zu sehen. Gegenwärtig ist die Einzelausstellung Never Quite Right an der Kunsthalle Osnabrück in Vorbereitung.

Demir und Pham haben in der Vergangenheit bereits einmal erfolgreich in Nuray Demirs Performance Semiotiken der Drecksarbeit kooperiert. Mit dem Mediator Michael Annoff verbindet beide ein Fundament aus geteilter Verantwortung und kritischem Dialog aus gemeinsam umgesetzten Projekten.

Nuray Demir und Minh Duc Pham bringen genau die Perspektive zwischen Konzeptarbeit, künstlerischer Praxis und Gestaltung mit, die der Auftraggebergruppe wichtig ist. 

Das Werk: Performing the Unfinished

Nuray Demir & Minh Duc Pham reagieren mit Performing the Unfinished auf den Auftrag. Die Arbeit verbindet in drei Teilen lokale Geschichte mit globalen Zusammenhängen – von der künstlerischen Einweihung des Platzes der Kinderrechte über die Arbeitsbedingungen der lokalen Rosenindustrie bis zu Verflechtungen von Kolonialgeschichte und Fürsorge in der norddeutschen Teekultur.

Der Titel Performing the Unfinished verweist darauf, dass viele gesellschaftliche Kämpfe nicht abgeschlossen sind: Menschenrechte, soziale Errungenschaften und Fürsorgepraktiken müssen immer wieder neu ausgehandelt, verteidigt und sichtbar gemacht werden. Die Arbeit widmet sich vor diesem Hintergrund Fragen von Kinderrechten, Arbeitsmigration, Fürsorge und Postkolonialismus. Sie versammelt ein Wochenende lang künstlerische und wissenschaftliche Beiträge im öffentlichen Raum von Pinneberg und gibt Impulse für das Entstehen eines neuen Wir-Gefühls. 

2018 wurde der Pinneberger Drosteiplatz zum Platz der Kinderrechte ernannt – eine feierliche Einweihung blieb bisher aus. Das wird zum Auftakt der Reihe am Samstag, den 12. September 2026 mit Dreams Convention nachgeholt! Mit Musik, Lecture Performances und Publikumsaktionen fragen Gäste nach der Spannung zwischen Rechtsversprechen und gesellschaftlicher Wirklichkeit: Was bedeutet es, dass die UN-Kinderrechtskonvention von 1989 der meistunterzeichnete Menschenrechtsvertrag weltweit ist und Kinderrechte dennoch systematisch gebrochen werden? 

Mit Bread & Roses zieht die Reihe am nächsten Tag durch die Straßen Pinnebergs. Die Performance knüpft an historische Arbeiter*innen-Bewegungen an und thematisiert den Kampf für faire Löhne, das tägliche Brot, aber auch für ein würdevolles Leben. Wie die Kinderrechtskonvention wurden auch Arbeitsrechte erkämpft, jedoch ungleich eingelöst. In Pinneberg trifft das Motiv der Arbeitsrechte auf das historische Herz der deutschen Rosenindustrie. Sie wird von prekarisierten Arbeitskräften sowohl vor Ort als auch im Globalen Süden getragen. Ein Demonstrationszug mit Tableau Vivant, Protestbannern und Audiobeiträgen macht die Ambivalenz des Rosenhandels zwischen Schönheit und Ausbeutung sinnlich erfahrbar.

Im Anschluss an den Demonstrationszug findet mit Tea and Tears ein performativer Teesalon statt. Der Salon lädt ein, beisammen zu sein und zur Ruhe zu kommen. Schwarztee wird aufgegossen und ausgeschenkt. Der Tee wärmt und trägt zugleich Kolonialgeschichte in sich. Tränen fließen aus Trauer und zugleich aus Freude. Sie reinigen und verbinden im Mitfühlen. Der Salon öffnet seine Türen, verbindet in Gesten des Teilens das Private mit dem Politischen und lädt ein zum gemeinsamen Aushandeln dessen, was Fürsorge bedeutet. 

Eine Person sitzt bei einem Glas Sekt mit Orangensaft am Tisch und unterschreibt den Auftrag.

Die Neuen Auftraggeber von Pinneberg

Auftragsunterzeichnung 12.3.2025, Pinneberg Foto: Henning von Holdt
Drei Personen sitzen an einem Tisch, sie haben den Auftrag zur Unterzeichnung auf Papier vor sich liegen

Die Neuen Auftraggeber von Pinneberg

Auftragsunterzeichnung 12.3.2025, Pinneberg Foto: Henning von Holdt

„Die künstlerische Arbeit soll Begegnungen, Beziehungen und Versammlungen von Pinneberger*innen möglich machen, deren Wege sich sonst nicht kreuzen würden.“